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Gesundheit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Dr. Moez Ben Ali legt an der UIT die Grundlagen einer neuen Medizin

Konferenz-Debatte · UIT · 2026

Die Internationale Universität Tunis hat in Mitorganisation mit dem Tunesischen Forum für Wissen und menschliche Entwicklung den zweiten Teil eines Zyklus von Konferenz-Debatten ausgerichtet, der den Transformationen gewidmet ist, die die Künstliche Intelligenz den strukturierenden Sektoren der tunesischen Gesellschaft auferlegt. Nach einer ersten Sitzung zur Bildung stand nun das Gesundheitswesen im Mittelpunkt der Diskussionen — ein Bereich, in dem die Technologien gleichzeitig die medizinische Praxis, die Ethik, den Zugang zur Versorgung und die Ökonomie der Medikamente umwälzen.

Eine Frage, die nicht mehr wartet

Zur Eröffnung erinnerte Maher Tebourbi an den Ehrgeiz des Zyklus: Die UIT zu einem Raum strukturierter Debatten über die Herausforderungen der KI in allen strukturierenden Bereichen zu machen. Professor Ahmed Friaâ, Präsident des Tunesischen Forums für Wissen und menschliche Entwicklung, betonte, dass Tunesien solide Trümpfe in diesem Bereich besitze — Trümpfe, die durch eine seit der Unabhängigkeit aufgebaute solide Gesundheitspolitik und durch wegweisende digitale Fortschritte geschmiedet wurden, die das Land zu den ersten der Welt zählen lassen, die das Internet bereits 1995 eingeführt haben.

Der Hauptredner, Dr. Moez Ben Ali, Onkologe und Doktor der Molekularbiologie, ist einer der weltweit führenden Spezialisten für die Entwicklung von Krebsmedikamenten. Er hatte Schlüsselpositionen in mehreren großen internationalen Pharmaunternehmen inne — Johnson & Johnson, GSK, Bristol-Myers Squibb, SOBI, Novartis Oncology — und sitzt heute in mehreren internationalen kooperativen Gruppen sowie im wissenschaftlichen Gremium der FDA. Sein Team war an der Entwicklung der weltweit ersten CAR-T-Therapie beteiligt, der ersten wirklich heilenden Krebsbehandlung, die im September 2017 von der FDA zugelassen wurde.

Im Publikum waren auch Seine Exzellenz, der Botschafter von Mali, der ehemalige Gesundheitsminister, Pr. Ridha Kechrid, sowie eine breite Versammlung von Akademikern und Praktikern.

Eine Revolution, die nicht erst gestern begann

Erste, frontale Botschaft: Die Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen ist kein neues Phänomen. Bereits in den 1990er Jahren verarbeiteten Algorithmen unter dem Namen computer-aided drug development die enormen Mengen genomischer Daten, die Forscher allein nicht analysieren konnten. Der aktuelle Bruch fügt sich in die Kontinuität einer langen technologischen Bahn — und Tunesien hat dabei wiederholt eine Pionierrolle gespielt, die nur wenige noch ermessen. Eine besondere Hommage wurde bei dieser Gelegenheit an Professor Ahmed Friaâ selbst gerichtet, dessen persönliches Engagement zu den Triebkräften des tunesischen Digital-Durchbruchs ab den 1990er Jahren gehörte.

„In den Vereinigten Staaten, in Frankreich, überall in der Welt haben die Ministerien nach Covid ihre Namen geändert: Wir sprechen jetzt von ‚Gesundheit und Prävention'. Das ist kein semantisches Detail. Das ist ein Paradigmenwechsel."

Gesundheitssystem oder Versorgungssystem?

Dr. Ben Ali begann eine kompromisslose Diagnose der Entwicklung des tunesischen medizinischen Modells. Eine ausgezeichnete Gesundheitspolitik war ab den 1960er Jahren eingeführt worden. Doch schrittweise entfernte sich das Land von dieser Vision und glitt in ein Versorgungssystem ab — ein System, das die bereits eingetretene Krankheit behandelt, statt eines Systems, das vorbeugt, antizipiert und heilt. Diese Drift ist nicht spezifisch für Tunesien: Sie spiegelt eine globale Entscheidung der modernen Medizin wider, die die KI gerade umkehren könnte.

Die stille Krise der Evidenzbasierten Medizin

Der Ton verschärft sich, als der Redner das herrschende Dogma der zeitgenössischen Medizin anspricht: die evidenzbasierte Medizin (evidence-based medicine). Weit davon entfernt, der Goldstandard zu sein, als der sie dargestellt wird, leidet sie, mit Daten belegt, an schwerwiegenden methodologischen und ethischen Mängeln:

  • Phase-I-Studien bestimmen eine maximal verträgliche Dosis — niemals die optimale Dosis für jeden Patienten.
  • Die in klinische Studien eingeschlossenen Patienten ähneln nicht den real in der Routine behandelten Patienten (Alterskriterien, Komorbiditäten, Ethnien).
  • Die Ärzte, schlecht in Pharmakologie ausgebildet, wenden Empfehlungen an, die aus Populationen stammen, die die menschliche Vielfalt nicht widerspiegeln.

Die Illustration war frappierend: Eine kürzlich von Benjamin Besse durchgeführte Studie zeigte, dass mit der Hälfte der empfohlenen Dosis von Pembrolizumab — einer Immuntherapie zum Preis von 4.200 € pro Monat — die Ergebnisse überlegen waren, einfach weil die Toxizitäten abnahmen und die Behandlungssitzungen nicht mehr verschoben werden mussten.

„Ethisch ist diese Methodik aberrant. Sie respektiert nicht das erste Prinzip: Der Nutzen muss höher sein als das Risiko für den Patienten."

Von der personalisierten zur Präzisionsmedizin

Die personalisierte Medizin, die in den 2000er Jahren auftauchte, war ein teilweises Versprechen. Die Präzisionsmedizin hingegen, die durch die Hochdurchsatz-Genomsequenzierung und die KI eröffnet wurde, zielt auf die tiefe molekulare Ursache statt auf die Symptome. Das emblematischste Beispiel bleiben die CAR-T-Zellen, die erste wirklich heilende Krebsbehandlung.

„Man entnimmt dem Patienten die Lymphozyten, modifiziert sie genetisch, damit sie die Tumorzellen erkennen, und injiziert sie zurück. Der Patient wird zu seinem eigenen Labor."
Einige während der Konferenz erwähnte Schlüsselzahlen
9 %Von der heutigen personalisierten Medizin erfasste Patienten
2017FDA-Zulassung der ersten CAR-T-Therapie
5.000 €Wert eines strukturierten Patientendatensatzes
150 J.Bis 2035 projizierte Lebenserwartung

Die anfänglichen Kosten der CAR-T-Therapie in den Vereinigten Staaten lagen bei rund 1,1 Millionen Dollar. In Spanien ist dieselbe Behandlung dank der Krankenhausproduktion heute für 80.000 Euro verfügbar. Die Lehre ist eindeutig: Innovation senkt, wenn sie früh angenommen wird, die Kosten — sie erhöht sie nicht.

Gesundheitsdaten: der neue globale Rohstoff

Der markanteste Moment der Konferenz betraf die strategische Natur der Gesundheitsdaten. Die Rohdaten an sich haben keinen Wert. Wertvoll sind nach einem strengen wissenschaftlichen Protokoll strukturierte Daten, mit einem präzisen klinischen Ziel und ethischer Rückverfolgbarkeit. Das nennt die internationale Gemeinschaft Real-World Evidence, im Gegensatz zu bloßen Real-World Data.

„Gesundheitsdaten haben an sich keinen Wert. Was Wert hat, ist die Evidenz — also Daten, die nach einem präzisen wissenschaftlichen Protokoll erhoben wurden."

Auf dem Weltmarkt werden die Daten eines einzigen korrekt strukturierten Patienten für etwa 5.000 Euro gehandelt. Dr. Ben Ali vertraute dem Publikum an, dass seine eigene Gesellschaft soeben einen in Sophia Antipolis ansässigen Akteur für 7,6 Millionen Euro erworben habe — allein wegen seiner Datenbanken. Die Botschaft an Tunesien ist unmissverständlich: mit den Daten nicht den Fehler zu wiederholen, den man 70 Jahre lang mit dem Medikament gemacht hat, als sich das Land darauf beschränkte, Generika zu produzieren, ohne je eine echte Innovationsindustrie aufzubauen.

Die afrikanische genomische Vielfalt: ein strategischer Trumpf

Seit zwei Jahren erlegt die FDA ein Diversitätsgesetz auf: Kein Medikament kann mehr zugelassen werden, ohne dass die klinischen Studien Populationen einbezogen haben, die alle menschlichen Ethnien repräsentieren. Doch die bestehenden Datenbanken — amerikanische, europäische, chinesische — leiden unter einem kritischen Diversitätsdefizit. Und eine wesentliche wissenschaftliche Feststellung drängt sich auf: Afrika ist der einzige Kontinent der Welt, dessen genomische Vielfalt ausreicht, um dieser Anforderung zu genügen. Zwischen Tunesien und Marokko, zwischen dem Sudan und Mali sind die genomischen Abstände beträchtlich.

„Die Zukunft der Gesundheit wird in Afrika liegen. Und ich weigere mich, dass Afrika wie ein Erdöl-Vorkommen ausgebeutet wird. Glücklicherweise ist es ein Gen-Vorkommen — ein Geschenk, das Gott in unsere DNA gelegt hat. Niemand kann es uns aus der Ferne stehlen."

Die sich abzeichnende Chance ist immens: Tunesien kann zum kontinentalen Hub der Intelligence-Based Medicine werden, indem es afrikanische Daten nach den anspruchsvollsten internationalen Standards sammelt, strukturiert und aufwertet.

Der Arzt von morgen: Rückkehr zur Wissenschaft

Im Laufe des Vortrags drängte sich ein weiterer roter Faden auf: die Neudefinition des Arztberufs. Vor dem 19. Jahrhundert war der Arzt ein Gelehrter — Pasteur, Fleming waren Forscher, bevor sie Kliniker waren. Es ist die Massenmedikalisierung, die die Praktiker schrittweise von den Grundlagenwissenschaften entfernt hat. Im Zeitalter der KI wird diese Scheidung zu einem existenziellen Risiko.

„Morgen wird nicht mehr der Kliniker verschreiben. Der Arzt, der kein Wissenschaftler ist, wird nicht mehr existieren können. Und der Offizinapotheker, wenn er nicht zu einem wahren Pharmakologen wird, wird verschwinden."

Die KI ersetzt den Arzt nicht — sie entlastet ihn. Mit den digital twins (digitale Zwillinge) entlastet sie den Arzt von technischen Kenntnissen, um ihm zurückzugeben, was die Medizin verloren hatte: die Zeit zum Denken, die Zeit zum Forschen, die Zeit zum Innovieren. Unter den eindrucksvollsten erwähnten Beispielen: die Chronotherapie, insbesondere entwickelt von Professor Francis Lévi. Siebenundvierzig retrospektive Studien haben bewiesen, dass die Immuntherapie erst nach 15:00 Uhr voll wirksam ist, wenn das Immunsystem auf dem Höhepunkt seiner Aktivität ist.

Hin zu einer Intelligence-Based Medicine

Dr. Ben Ali setzt sich auf internationaler Ebene für den Übergang von der Evidence-Based Medicine zur Intelligence-Based Medicine ein. Mit der Unterstützung der WHO trägt er ein Programm namens „Cancer Zero". Nach den aktuellen technologischen Projektionen, die in den großen weltwissenschaftlichen Kreisen geteilt werden, könnten die Personen, die zwischen 2030 und 2035 nicht sterben, bis zu 150-160 Jahre alt werden, mit einem gesunden Körper. Die Technologie ist bereit. Die Regulierung gleicht sich schrittweise an.

„Was fehlt, sind weder die Werkzeuge noch die Wissenschaft. Es sind die politischen Entscheidungen."

Auf die — von mehreren Rednern gestellte — Frage nach der nationalen tunesischen Strategie in Sachen KI und Gesundheit, war die Antwort direkt:

„Tunesien hat keine Strategie. Und vielleicht ist das auch besser so. Denn vor der Strategie braucht es eine Vision. Die Vision ist für die Großen. Die Strategie ist für die Kleinen. Tunesien hat in seiner modernen Geschichte nur eine einzige Vision aufgebaut: die nationale Schule der 1960er Jahre. Es ist Zeit, eine zweite zu bauen."

Die UIT in Bewegung: kommende Termine

Über die Ideen-Debatte hinaus fügt sich diese Konferenz in eine bereits von der UIT und der German Business School in Gang gesetzte operative Dynamik ein. Am kommenden Dienstag, dem 6. Mai, wird die UIT zwei komplementäre Veranstaltungen zur Künstlichen Intelligenz ausrichten:

KI erkunden: wissenschaftliche Produktion & ethische Herausforderungen

Akademisches Kolloquium, das Forscher und Praktiker zu den großen Fragen versammelt, die der Aufstieg der KI in der Produktion wissenschaftlichen Wissens und ihre ethischen Implikationen aufwerfen.

AI for Educators

Workshop, organisiert von der German Business School, gewidmet den Lehrkräften und Bildungsakteuren, die aufgerufen sind, die KI in ihre pädagogischen Praktiken zu integrieren.

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Ein Dialog, der fortzusetzen ist

Zum Abschluss konvergierten die Austausche zu einer Gewissheit: Tunesien verfügt über einzigartige Trümpfe — genetische, intellektuelle, historische —, die es nur durch eine kühne politische Vision, einen erneuerten wissenschaftlichen Mut und eine Neugründung des Dialogs zwischen Medizin, Grundlagenwissenschaften und Technologie aufwerten kann. Die Tür, durch die man in die Welt von morgen tritt, ist offen. Es bleibt zu wagen, sie zu durchschreiten.

Internationale Universität Tunis — in Partnerschaft mit dem Tunesischen Forum für Wissen und menschliche Entwicklung

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مؤتمر جامعة تونس الدولية × المنتدى التونسي للمعرفة: الصحة في عصر الذكاء الاصطناعي مع الدكتور معز بن علي